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Einfahren eines Aquariums

Mir ist bewusst, das dies ein heikles Thema ist, das mir bestimmt wieder so einiges an Nackenschlägen einbringen wird, aber ich will trotzdem einmal versuchen, dieses Thema aufzugreifen.

Worum geht es ?

Jeder Aquarianer weiß oder sollte es zumindest wissen, dass man ein neu eingerichtetes Aquarium „einfahren“ muss. Hiermit ist gemeint, dass dem Becken eine Zeit in den ersten Tagen/Wochen „gegönnt“ wird, in denen sich die so genannten Nitrifikanten, sprich die im Aquarium wichtigen Bakterienstämme von Nitrosomonas und Nitrospira, entwickeln können.

Hintergrund des Ganzen ist, dass durch diese Bakterien die durch die Fische und anderen Aquarientiere über den Verdauungstrakt und die Kiemen ausgeschiedenen teils giftigen Stoffwechselendprodukte in für die Tiere ungefährliche Stoffe umgewandelt werden. Der Hauptschwerpunkt liegt hierbei beim Ammonium/Ammoniak, das über die Zwischenstufe des Nitrits zu ungefährlichem Nitrat aufoxidiert wird. Dadurch, dass sich in einem neuen Aquarium noch nicht genug dieser Nitrifikanten befinden, kommt es zum so genannten Nitrit-Peak, über den Sie an folgender Stelle nachlesen können :  „Nitrit-Peak“.

Das Thema „Einfahren“ ist in den letzten Jahren zu einem der beliebtesten Themen in den aquaristischen Foren geworden und allzu oft werden hier Empfehlungen ausgesprochen, die sich in der Praxis als nicht allzu geeignet erweisen und es haben sich einige Mythen und Märchen förmlich festgefressen, die immer wieder gern zitiert werden. Wenn man dann eine andere Auffassung vertritt, wird man auf's Übelste beschimpft.

Ich will versuchen, an dieser Stelle meine Gedanken zu diesem Thema aus knapp 30 Jahren aquaristischer Betätigung darzustellen. Natürlich kann ich das, wie ich es schon mehrfach erwähnt habe, nicht aus wissenschaftlicher Sicht machen, da mir dazu die Grundlagen und Möglichkeiten fehlen, aber ich werde versuchen, einige praktikable Ansätze zu bieten und die Logik spielen zu lassen. Auf wissenschaftliche Untersuchungen, die uns Aquarianern exakte Daten liefern könnten, werden wir wohl auch noch ein Weilchen warten dürfen.

Kommen wir noch einmal zurück zu den Foren. Wird nun dort die Frage nach dem Einfahren eine Beckens gestellt, und das kommt täglich mehrfach vor, dann gibt es regelmäßig folgende Standardantworten:

  1. „Du musst das Becken nach dem Einrichten 4 Wochen stehen lassen. Erst dann kannst du Fische einsetzen“
  2. „Du musst einen Bakterienstarter in das Becken geben, dann kannst du nach 24 Stunden Fische einsetzen.“
  3. „Du musst das Becken in den ersten Tagen mit Flockenfutter anfüttern, damit sich die Bakterien bilden können".
  4. „Verrottende Pflanzenteile sorgen dafür, dass sich genug Bakterien bilden.“
  5. „Du musst das Becken mit Filtermulm aus einem laufenden Becken animpfen.“

usw. usf.

Handelsübliche Testreagenzien ...

... und Bakterienstarter.

Was ist nun von diesen Aussagen zu halten?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man wissen, dass sich die beiden angesprochenen Bakterienstämme nur bilden und vermehren können, wenn ausreichend Nahrung, sprich ausreichend Ammonium und Nitrit vorhanden sind. Ohne Nahrung findet keine Vermehrung statt.

Was bringt es mir also, wenn ich wie unter 1. vorgeschlagen, das Becken stehen lasse? Wo kommen die Nährstoffe für die Bakterien her, mit deren Hilfe sie sich vermehren sollen? In diesem Zusammenhang liest man sehr oft in Foren, dass der Betreffende sich wundert, dass nach 3 Wochen immer noch kein Nitritpeak eingetreten ist. Verwundert uns das? Schlimmer noch, nach den vorgeschlagenen 4 Wochen werden die Fische gekauft, den Hinweis, die Fische nur nach und nach einzusetzen hat man überlesen oder der Händler hat einen zum Kauf einer größeren Anzahl an Fischen überredet, und es folgt der Hilfeschrei im Forum, dass nun plötzlich ein erheblicher Nitritanstieg zu verzeichnen sei und einige Fische sogar über Nacht gestorben sind. Verwundert uns das? Mich nicht wirklich.

Nun gibt es ja noch die unter 2. genannten „Bakterienstarter“. Hierbei handelt es sich um kleine Fläschchen aus dem Zoohandel, die mangels Inhaltsangaben eine geheimnisvolle Flüssigkeit enthalten, die das Einfahren eines Beckens unnötig machen sollen und einen Fischbesatz nach 24 Stunden versprechen. Ich kann leider nicht prüfen, was in den Fläschchen drin ist, aus diesem Grund kann ich auch nicht beurteilen, wie wirkungsvoll diese Mittelchen sind. Wenn wir aber davon ausgehen, dass dort lebende oder ruhende Bakterienkulturen drin sind, dann wäre es sogar Pflicht nach kurzer Zeit die ersten Fische einzusetzen, denn ansonsten würde man wahrscheinlich Gefahr laufen, dass die teuer erworbenen Bakterien wieder absterben, weil sie keine Nahrung finden. Oder sehe ich das falsch?

Ich persönlich benutze diese „Starter“ höchst selten. Mit Sicherheit sagen kann ich aber, dass sie zumindest nicht schädlich sind. Gefährlich wird es nur, wenn ich den Erstbesatz schlagartig hochfahre, denn wer kann schon einschätzen, wie viele Bakterien der Starter nun eingebracht hat.

Ich springe jetzt mal zu Aussage 5.

Dieser Tipp ist in meinen Augen einer der besten und praktikabelsten, weil er zum Einen nichts kostet und zum Anderen wirklich eine entsprechend große Menge an Bakterien übertragen werden. Da dieser Tipp aber oft in Verbindung mit Nr. 1 gebracht wird, muss ich die Frage stellen, ob wir nicht auch hier vor dem Problem stehen würden, dass die „angeimpfte“ Kultur wieder absterben würde, wenn wir nicht bald die ersten Tiere einsetzen?

Die mit dieser Methode oft verbundene Sorge, sich mit dem Mulm, besonders dann, wenn er z. B. aus dem Becken eines Freundes stammt, Algen oder Krankheiten in das neue Becken einzuschleppen, würde ich auch als relativ unbegründet bezeichnen, denn um Algensporen kommt man ohnehin nicht umhin, egal was man macht, und Krankheitskeime aller Arten sind überall vorhanden, werden von den Fischen mitgebracht, die man kauft oder werden mit dem Käscher von Becken zu Becken getragen, also kann man sich die Sorge auch ersparen. Unter vernünftigen Bedingungen gehaltene Tiere werden nur in seltensten Fällen krank, egal ob da nun ein paar Keime mit dem Mulm mitkommen oder nicht. Es versteht sich natürlich von selbst, dass man den Mulm nicht grad aus einem „verseuchten“ Becken nehmen sollte.

Interessant ist Aussage Nr. 4.

Diese Aussage zu bewerten bedarf es eigentlich einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise, zu der ich mich nicht imstande fühle, aber ich versuche es mal auf meine Weise.

Um eine Ausgangsposition zu haben, habe ich ein durchschnittliches Blatt einer Anubias barteri abgeschnitten und bin mit ihm zu einer Apotheke gefahren, um dort sein Gewicht feststellen zu lassen, denn ich besitze keine Feinwaage und wollte mir dafür auch keine kaufen, denn die Dinger sind mit Sicherheit nicht ganz billig. Man war dort auch sofort bereit mir zu helfen und ermittelte für das Blatt ein Gewicht von 1,57 Gramm. Da wir Ammonium und Nitrit im Aquarium bekanntlich immer in mg/l messen, sind es dann umgerechnet 1.570 mg.

Auf Nachfrage bei einem Biologen wurde mir gesagt, dass lebendes Pflanzenmaterial zu 95 - 98 % aus Wasser bestünde. Für meine Rechnung habe ich mich dann auf 95 % festgelegt. Weiterhin wurde mir gesagt, dass von den verbleibenden Feststoffen ca. 1/4 Stickstoffverbindungen seien. O.k., damit können wir etwas anfangen. Dass die Feststoffe möglicherweise leichter oder schwerer sind als Wasser, können wir hier wohl getrost vernachlässigen. Also schauen wir mal:

Gewicht des Blattes = 1.570 mg

abzüglich 95 % Wasser = 78,5 mg feste Stoffe

davon ca. 25 % Stickstoffverbindungen = 19,7 mg

macht bei einem 100-Liter-Becken = 0,2 mg/l Stickstoffverbindungen .

Da Nitrit als gefährlichstes Stoffwechselendprodukt im Aquarium erst ab 0,4 mg/l wirklich interessant wird (den Gewichtsunterschied zwischen den Stickstoffverbindungen in der lebenden Pflanze, Ammonium und Nitrit können wir wohl auch getrost vernachlässigen) und unter dem wohl kaum von einem Nitritpeak gesprochen werden kann, zudem sich bei zu geringer Nitritbelastung keine ausreichende Population an Nitrifikanten bildet, müssten nach dieser Rechnung mindestens 3 dieser Blätter verrotten, um wirklich einigermaßen effektiv zu sein. Außerdem müssten diese Blätter schlagartig verrotten und nicht wie üblich über einen Zeitraum von mehreren Tagen oder gar Wochen, um irgendeinen Effekt zu erreichen. Und selbst wenn dies so wäre, dann würde der Nitritpeak bei maximal 0,6 mg/l liegen. Ob man dabei schon von einem effektiven "Einfahren" sprechen kann, wage ich zu bezweifeln. Zudem müssten dann am nächsten Tag wiederum 3 Blätter schlagartig verrotten, weil wenn diese 0,6 mg/l aufgebraucht sind, was erfahrungsgemäß nicht sehr lange dauert, würde die Population an Nitrospira wieder absterben.

So... , nun können sie entscheiden, ob Ihnen mein Rechenbeispiel gefällt oder nicht und was von der Aussage zu halten ist.

Man könnte dies auch noch für Variante 3 durchrechnen, aber dafür fehlen mir leider die nötigen Zahlen.

Das Anubias-Blatt

Das Messergebnis der Apotheke.

Wie handhabe ich dieses Problem?

Wenn ich ein neues Aquarium in Betrieb nehme, was in den letzten Jahren häufiger vorgekommen ist, oder wenn ich einen Hobby-Einsteiger bei seinen ersten Schritten begleite, dann gehe ich davon aus, dass ein vernünftiges und gefahrloses Einfahren nur möglich ist, wenn entsprechende Stoffwechselendprodukte in ausreichender Menge ins Becken eingebracht werden.

Nach Beendigung der Ersteinrichtung suche ich mir einen Filter, bei dem die letzte Reinigung nicht grad gestern erfolgt ist, entnehme das Filtermaterial, meistens sind es bei mir ja Matten oder Schaumstoffblocks, und wasche dieses in handwarmen Wasser in einem 5-Liter-Eimer kräftig aus. Die dabei entstehende „Brühe“ kippe ich so wie sie ist in das neue Becken. Dem Einsteiger wird dabei das Herz bluten, denn sein mühevoll und liebevoll eingerichteter Schatz, der das Prunkstück des Wohnzimmers werden sollte, sieht nach Sekunden aus wie eine Kloake. Über diesen Moment muss man drüber, egal wie viele Taschentücher dabei nass werden. Spätestens 24 Stunden später ist bei einer guten Filterung das Becken wieder relativ klar und der Mulm hat sich im Filtermaterial und auf dem Bodengrund, natürlich auch auf den Pflanzen und den Deko-Gegenständen abgesetzt. Von den Pflanzen sollte man diesen entfernen, da er sonst das Licht blockiert. 

Nun suche ich mir aus meinem Bestand eine entsprechend kleine Menge an unempfindlichen Fischen aus, meist so 2 bis 3, und setze sie in das Becken ein. Ich gehe davon aus, dass die durch das Animpfen eingebrachte Bakterienmenge ausreicht, um deren Schadstoffmenge Herr zu werden. Am ersten Tag füttere ich nicht, an den folgenden Tagen steigere ich die Futtergaben langsam.

Besondere Aufmerksamkeit widme ich in diesen ersten Tagen der Beobachtung der Fische: "Fressen sie gierig? Verhalten sie sich normal? Atmen sie ruhig?" sind meine wichtigsten Fragen. Muss ich eine dieser Fragen mit „nein“ beantworten, ist eine Messung des Nitritgehalts mit einem handelsüblichen Tröpfchentest angezeigt, um bei einem Nitritanstieg mit einem großzügigen Wasserwechsel reagieren zu können, denn die Gesundheit der Tiere hat absolute Priorität. Ich kann ihnen aber sagen, dass dies bei mir bisher noch nicht vorgekommen ist. Nach ca. 2 Wochen messe ich dann den Nitritgehalt und besetze das Becken dann innerhalb eines Zeitraums von 2 - 3 weiteren Wochen bis hin zum endgültigen Besatz.

Diese Methode wende ich nun schon seit mehreren Jahren an und es kam bisher zu keinerlei Verlusten.

Ob Sie diese Methode nun für sich übernehmen und sich meiner Ansicht zu dieser Thematik anschließen, oder ob sie sich lieber die Meinung vieler Foren-User zu eigen machen, bleibt Ihnen überlassen, denn auch wenn diese Methode bei mir funktioniert, eine Garantie kann Ihnen niemand geben, dass dies die Richtige ist, denn die absolute Wahrheit gibt es in der Aquaristik nicht. Viele Wege führen auch hier nach Rom, hier wohl viel mehr als in anderen Bereichen des Lebens.

Eine wichtige Empfehlung möchte ich an dieser Stelle aber besonders den Hobby-Einsteigern mit auf den Weg geben: suchen Sie sich einen erfahrenen Aquarianer, der Sie auf Ihren ersten Schritten begleitet. Die regionalen Aquarienvereine bieten hierfür einen guten Anlaufpunkt. Wo Sie einen solchen finden können, erfahren sie über www.vda-online.de oder auch auf einer Zierfischbörse in Ihrer Gegend. Ob nun dieser Begleiter die ultimativen Lösungen kennt, ist zu bezweifeln, aber sie haben den Vorteil, dass sie alles aus einer Hand bekommen, und nicht ungezählte verschiedene Meinungen wie in den Foren, aus denen auszuwählen es weit mehr Erfahrung bedarf, als Sie an dieser Stelle besitzen. Zudem ist die Qualität der Antworten in den Foren von Forum zu Forum höchst unterschiedlich. Vereinfacht kann man sagen, dass die Qualität der Antworten mit der Anzahl der aktiven User abnimmt. Meine Hand ins Feuer legen würde ich eigentlich nur für zwei der mir bekannten aquaristischen Foren, und zwar Scalare-online, das sich trotz des Namens nicht speziell mit Skalaren beschäftigt, und "Aquaristik im Detail" von Olaf Deters. Eine interessante Abhandlung zum Thema Foren finden Sie auch auf der Seite von Martin Krüger "Aquaristik normal". Da ich selbst seit vielen Jahren in Foren, unter anderem als Moderator tätig bin, kann ich dazu nur sagen, dass Martin den Nagel absolut auf den Kopf trifft, soweit es einen Großteil der Foren betrifft.

So, nun lasse ich Sie mit Ihrem Aquarium an dieser Stelle allein und bedenken Sie bitte, bevor Sie auf mich einschlagen, dass das alles nur Gedanken von mir sind und auch ich nicht das "Patent der Wahrheit" in der Tasche habe.

Copyright des Textes by Henry Wollentin